Die Heiligenfabrik

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Ikone der Nächstenliebe: Mutter-Teresa-Rosenkränze in einem Shop in Kalkutta.

Papst Franziskus wird am Sonntag Mutter Teresa heiligsprechen. Ein Beispiel für den kreativen Umgang des Vatikans mit seinen eigenen Regeln bei Heiligsprechungen.

Mutter Teresa (1910–1997) wurde schon zu Lebzeiten als «Engel der Armen» verehrt. Und für Katholiken in aller Welt ist sie längst eine Heilige. Agnes Gonxha Bojaxhiu wird nun am Sonntag auch kirchenamtlich den Status einer Heiligen erhalten. Auf dem Petersplatz in Rom werden Hunderttausende Menschen erwartet, um der kleinen Nonne mit dem weiss-blauen Ordensgewand fast zwanzig Jahre nach ihrem Tod die Ehre zu geben. Die Heiligsprechung von Mutter Teresa ist für Papst Franziskus eines der grössten Ereignisse in seiner seit März 2013 andauernden Amtszeit. Und sie liegt ganz auf einer Linie mit dem Heiligen Jahr, das der Papst für dieses Jahr ausgerufen hatte. 2016 steht die Barmherzigkeit im Mittelpunkt.

Mutter Teresa steht beispielhaft für das Engagement für die Armen. Dafür bekam sie 1979 den Friedensnobelpreis und wurde zu einer Ikone der Nächstenliebe. Doch die Heiligsprechung der Ordensfrau, die in Indien gewirkt hatte, ist umstritten. Es gibt Kritik an ihrem Wirken sowie am Verfahren der Selig- und Heiligsprechung.

Es braucht zwei Wunderheilungen

Die Aufnahme in das Heiligenverzeichnis der katholischen Kirche erfolgt in einem mehrstufigen Verfahren, an dem Vatikan-Kommissionen und Kirchengerichte beteiligt sind. Eine zwingende Voraussetzung für die Heiligsprechung ist eine Seligsprechung. Diese setzt ein im christlichen Sinn vorbildliches Leben sowie den Nachweis einer Wunderheilung voraus. Auch ein Märtyrertod kann Anlass für eine Seligsprechung sein. Um in den Kreis der Heiligen aufgenommen zu werden, ist ein zweites Wunder erforderlich. Meist geht es um die Genesung von angeblich unheilbar Kranken. Ärzte müssen zum Schluss kommen, dass die plötzlichen Heilungen nicht wissenschaftlich erklärt werden können. Die letzte Entscheidung liegt jeweils beim Papst.

Das sogenannte Kanonisierungsverfahren von Mutter Teresa war eines der schnellsten in der jüngeren Geschichte der katholischen Kirche. Papst Johannes Paul II. eröffnete bereits 1999 und damit zwei Jahre nach ihrem Tod das Seligsprechungsverfahren. Normalerweise gilt eine Frist von fünf Jahren nach dem Tod eines Kandidaten.

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Die erste Wunderheilung von Mutter Teresa wurde 2002 anerkannt: Der Vatikan schrieb Mutter Teresa die Genesung einer an Krebs erkrankten Inderin im Jahr 1998 zu. Gebete an die ein Jahr zuvor verstorbene Mutter Teresa sowie das Auflegen eines von der Nonne gesegneten Amuletts sollen die todkranke Frau geheilt haben. Trotz der Zweifel einiger Ärzte erkannte der Vatikan das Wunder an.

Ende 2015 bestätigte Papst Franziskus das zweite Wunder. Mutter Teresa wurde die unerklärliche Heilung eines Brasilianers mit mehreren Hirntumoren im Jahr 2008 zugesprochen. Angehörige des Mannes sollen Mutter Teresa im Gebet um Hilfe gebeten haben. Auch in diesem Fall setzte sich der Vatikan über die Zweifel hinweg.

Heiligsprechung ist «lächerlich» und «dumm»

Trotz aller humanitären Verdienste ist das Wirken von Mutter Teresa nicht unumstritten. Ihr wurde etwa vorgeworfen, versucht zu haben, verletzlichen Menschen den Katholizismus aufzuzwingen und mit ihrer strikten Ablehnung von Empfängnisverhütung und Abtreibung zum Elend der Armen beigetragen zu haben. Fragen gab es auch zu den Finanzen ihres Ordens sowie zu den Bedingungen in den Ordenshospizen, wo die Einführung moderner Hygienestandards abgelehnt wurde.

Der britisch-pakistanische Autor und Filmemacher Tariq Ali nennt die Heiligsprechung «lächerlich» und «dumm». 1994 hatte er zusammen mit Christopher Hitchens die Dokumentation «Hell’s Angel» («Höllenengel») gedreht und darin Missstände in Mutter Teresas Heimen angeprangert. Zudem kritisierten Ali und Hitchens die Freundschaft von Mutter Teresa zu Diktatoren wie dem früheren haitianischen Machthaber «Baby Doc», Jean-Claude Duvalier.

Beschleunigung der Selig- und Heiligsprechungen

Die Liste der Seligen und Heiligen der katholische Kirche ist mittlerweile sehr lang. Allein Johannes Paul II. (1920–2005) nahm in seinem 27 Jahre währenden Pontifikat 1338 Selig- und 482 Heiligsprechungen vor. Er machte doppelt so viele Kandidaten zu Heiligen wie seine Vorgänger in 400 Jahren zusammen. Vor Johannes Paul II. hatte das Kanonisierungsverfahren in der Regel mehrere Jahrzehnte gedauert. Der Papst aus Polen sorgte für eine Beschleunigung dieses Verfahrens. 1983 senkte er die Hürden drastisch: Seither braucht es für eine Seligsprechung nur noch ein Wunder statt vierer. Johannes Paul II. war von einem ausgeprägten Missionierungsdrang beseelt. Dazu gehörte auch die laufende Produktion von Seligen und Heiligen, die als leuchtende Vorbilder den Katholizismus in alle Teile der Welt hinaustragen sollten.

Johannes Paul II. profitierte von seinen eigenen Regeln. 87 Tage nach seinem Tod liess sein Nachfolger, Papst Benedikt XVI., das Verfahren zur Seligsprechung eröffnen. Und bereits im April 2014 wurde Karol Wojtyla von Papst Franziskus heiliggesprochen. Johannes Paul II. schaffte es in lediglich neun Jahren zum Heiligen. Er ist der mit Abstand am schnellsten Heiliggesprochene in der katholischen Kirchengeschichte.

Die üblichen Fristen und der Nachweis von zwei Wundern spielten eine untergeordnete Rolle, als Papst Franziskus seinen Vorvorgänger zum Heiligen machte. In knapp dreieinhalb Jahren hat Franziskus insgesamt 23 Personen und die «800 Märtyrer von Otranto» heiliggesprochen. Damit hat er sogar Johannes Paul II. überholt. (Tages-Anzeiger)

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