Grossmutter der Albaner

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Sie lächelt, Albaner sind begeistert: Mutter Teresa lächelt. (Archiv)

Sie lächelt, Albaner sind begeistert: Mutter Teresa lächelt. (Archiv) Bild: Evan Schneider/Keystone

Die Heiligsprechung der albanischstämmigen Mutter Teresa begeistert ihre Landsleute auf dem Balkan.

In Zeiten des Terrors im Namen des Islam ist das eine gute Nachricht: Im Vatikan wird eine Nonne heiliggesprochen, und eine Nation mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung ist völlig aus dem Häuschen. Am Sonntag werden die meisten Albaner in Kosovo, Mazedonien und Albanien vor dem Fernsehgerät sitzen und Papst Franziskus zujubeln.

Von den sechs Millionen Albanern, die auf dem Balkan leben, hängen etwa zwei Drittel einem moderaten sunnitischen Islam an, die restlichen sind Katholiken oder Christlich-Orthodoxe. Die Albaner sind ein Volk mit drei Religionen, aber keine Fanatiker, eher Pragmatiker. Den Islam haben sie während der fast 500 Jahre dauernden Herrschaft des Osmanischen Reiches auf dem Balkan übernommen. Wer sich damals zum Islam bekannte, musste keine Steuern zahlen, durfte eine Waffe tragen und konnte leichter Karriere machen in der osmanischen Verwaltung. Diese Möglichkeit haben die Albaner genutzt. Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert gab es mehr Grosswesire (Premierminister) albanischer als türkischer Abstammung.

Albanien erfährt es 1979

Als katholische Albaner gehörten die Eltern von Mutter Teresa einer religiösen und sozialen Minderheit an. Ihre Familie stammt aus der Stadt Prizren, die im Süden Kosovos liegt. Gonxha Bojaxhiu, so lautet ihr bürgerlicher Name, wurde am 27. August 1910 in Üsküp geboren, dem heutigen Skopje, der Hauptstadt Mazedoniens. Bojaxhius Vater starb, als sie neun Jahre alt war. Die Legende besagt, dass sie erst nach diesem Schicksalsschlag begann, sich für die Religion zu interessieren. Sie trat in den Orden «Schwestern der Jungfrau von Loreto» ein, nahm den Namen Teresa an. 1950 gründete sie die Gemeinschaft der Missionarinnen der Nächstenliebe.

Über ihre Arbeit im Dienste der Armen in Indien erfuhr die albanische Öffentlichkeit erst 1979, als sie den Friedensnobelpreis erhielt. Damals wandte sich die kleinwüchsige Nonne mit einer handschriftlichen Botschaft an «mein albanisches Volk», das sie immer im Herzen getragen habe. Kosovo durfte sie während der jugoslawischen Herrschaft mehrmals besuchen, Albanien erst 1989. Die Steinzeitkommunisten in Tirana hatten Albanien zum ersten atheistischen Staat der Welt gemacht und betrachteten das Engagement der Nonne mit grösster Skepsis.

Mittlerweile ist Mutter Teresa allgegenwärtig in Kosovo und in Albanien. Der Flughafen der albanischen Hauptstadt Tirana trägt ihren Namen, es gibt dort und in der kosovarischen Kapitale Pristina Mutter-Teresa-Plätze, nach ihr hiess auch eine Hilfsorganisation, die in den 90er-Jahren die notdürftige Gesundheitsversorgung in Kosovo gewährleistete, nachdem das serbische Regime die Albaner von den öffentlichen Spitälern ausgeschlossen hatte. Das Zentrum Pristinas wird heute von einer neuen Mutter-Teresa-Riesenkathedrale dominiert.

Gut für das Image

Gefördert hat diese Begeisterung für die Ordensfrau vor allem der langjährige politische Führer der Kosovo-Albaner, Ibrahim Rugova. Als Literaturwissenschaftler schrieb er viel über die Werke albanischer Priester des Mittelalters, um zu zeigen, dass die mehrheitlich muslimischen Albaner schon immer Teil der westlichen und christlichen Zivilisation gewesen seien. Als weiterer Beweis dafür wurden die Selbstlosigkeit und die Aufopferungsbreitschaft Mutter Teresas erwähnt. Das Ziel war offensichtlich: Man wollte mit der weltweit bekannten Ikone das oft schlechte Image der Albaner in Westeuropa aufpolieren.

Das ist nur teilweise gelungen. Zwar hat der Westen 1999 zugunsten der Kosovo-Albaner gegen das serbische Terrorregime interveniert. Aber mit der Freiheit kamen auch dubiose saudische Stiftungen ins Land, um den radikalen Islam zu propagieren. Inzwischen sind etwa 40 kosovarische Jihadisten im Krieg für den Islamischen Staat gefallen, etwa 300 sollen sich weiterhin in Syrien und im Irak aufhalten. Die kleine Armee der Fanatiker stellt den jungen Staat Kosovo vor grosse Herausforderungen. In den sozialen Medien behaupten die Extremisten, Mutter Teresa sei keine Heilige, sondern eine Heuchlerin, die arme Menschen gezwungen habe, zum Christentum zu konvertieren.

Die Albaner ärgern sich auch über die Versuche der mazedonischen Regierung, die Nonne zu vereinnahmen. Oft wird ihre ethnische Herkunft verheimlicht, indem sie als «Tochter Mazedoniens» bezeichnet wird. Die Antwort über ihre Abstammung hat Teresa selbst gegeben: «Ich bin albanischen Blutes, Bürgerin Skopjes und gehöre der ganzen Welt – aber mein Herz gehört Jesus.» (Tages-Anzeiger)

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