Schaffnerin gegen rassistischen Fahrgast”So etwas habe ich noch nie erlebt”

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Lena-Sophia Nobbe, "Eisenbahnerin des Jahres 2016"Zur Großansicht

Andreas Taubert

Ein Interview von

Lena-Sophia Nobbe, “Eisenbahnerin des Jahres 2016”

Moebel THEMA

“Neben dem Pack möchte ich nicht sitzen.” So beschimpfte ein Fahrgast eine Flüchtlingsfamilie im Zug – bis die Schaffnerin Lena-Sophia Nobbe dazu kam und eine clevere Entscheidung traf.

Ein Wintertag Anfang 2016, auf der Zugstrecke von Siegen nach Essen. In einem der Abteile sitzen etwa 40 bis 50 Flüchtlinge. Das missfällt einem älteren Passagier. Für die Art, wie sie die Situation entschärfte, erhielt die 46-jährige Lena-Sophia Nobbe den Titel “Eisenbahnerin des Jahres 2016”.

SPIEGEL ONLINE: Frau Nobbe, Sie arbeiten seit sieben Jahren beim Verkehrsunternehmen Abellio. Den Titel haben Sie aber wegen Ihres Verhaltens an einem ganz bestimmten Tag bekommen. Was ist da passiert?

Nobbe: Ich war gerade dabei, die Fahrscheine zu kontrollieren, als es plötzlich sehr unruhig wurde und zu einem Tumult im Abteil kam. Ich hörte, wie sich ein Herr darüber beschwerte, neben einer Flüchtlingsfamilie sitzen zu müssen. “Neben dem Pack möchte ich nicht sitzen!”, verkündete er lautstark.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie und die anderen Passagiere reagiert?

Nobbe: Die anderen Passagiere haben nicht eingegriffen, viele schauten aus dem Fenster. Das passiert häufig in solchen Situationen. Ich habe mich dann an den alten Mann gewandt und gesagt: “Sie haben völlig recht. Die Situation ist unzumutbar – für Ihre Sitznachbarn.” Dann habe ich die Familie kurzerhand in die erste Klasse umgesetzt.

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie keine Angst?

Nobbe: Angst nicht. Aber man fühlt sich natürlich nicht wohl, die Situation ist nicht schön. In diesem Job muss man eben flexibel sein. Die Passagiere haben die verschiedensten Charaktere, auf die muss man eingehen und reagieren können. Ich bin nicht gerade auf den Mund gefallen – das kommt mir bei meiner Arbeit zugute.

SPIEGEL ONLINE: Gab es schon häufiger solche Vorfälle?

Nobbe: Sicher. Pöbelnde Fahrgäste, Betrunkene, Randalierer… Das ist normal in dem Job. Einen Fall wie mit dem alten Mann und der syrischen Familie habe ich vorher jedoch auch noch nie erlebt. Ich möchte aber klarstellen: Es ging mir nicht darum, dass das eine syrische Flüchtlingsfamilie war. Ich hätte in dieser Situation jedem geholfen, da frag ich nicht nach der Nationalität. Für mich steht der Mensch im Vordergrund.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Kollegen und Vorgesetzte auf Ihre Aktion reagiert?

Nobbe: Meine Kollegen und ich haben uns danach über den Vorfall unterhalten. Sie hätten in der Situation genauso gehandelt wie ich. Und mein Arbeitgeber stand hinter mir. Ich musste also auch im Nachhinein nicht für die Fahrkarten in der ersten Klasse bezahlen (lacht).

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